Hilfe – die Mitte schrumpft!
Der
Mittelstand war in Deutschland über Jahrzehnte eine verlässliche Stütze
von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Doch jetzt schlagen immer mehr
Wissenschaftler Alarm: Immer mehr Familien kämpfen um den Erhalt des
mühsam aufgebauten Lebensstandards, sehen sich von sozialem Abstieg
bedroht. Gleichzeitig klafft die Schere zwischen Arm und Reich immer
weiter auseinander – auch zum Leidwesen von Vermietern.
Von Harald Gruber
Die Mittelschicht in Deutschland schrumpft. Nach Berechnungen des
Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat ihr Anteil an der
Bevölkerung in den vergangenen zehn Jahren von fast zwei Drittel auf 59
Prozent abgenommen. Zwischen den Jahren 2000 und 2009 ist das ein
Schwund um fast 3,5 Millionen Menschen. Zum Vergleich: Rheinland-Pfalz
hat aktuell rund vier Millionen Einwohner.
Wer arm und wer reich ist, bewerteten die Forscher des Berliner DIW auf
Grundlage des bundesweiten Durchschnittseinkommens. Dabei zählen die
Wirtschaftswissenschaftler all diejenigen zur Mitte, die zwischen 70 und
150 Prozent des durchschnittlichen Einkommens erzielen. Konkret waren
das für einen Ein-Personen-Haushalt im Jahr 2005 1.229 Euro netto.
Als arm gilt, wer weniger als 70 Prozent dieser Summe – also weniger als
860 Euro – zu Verfügung hatte. Als reich bezeichnet wird demnach, wer
150 Prozent oder mehr einnahm – also 1.844 Euro und aufwärts. Mit
Erstaunen konstatieren die DIW-Experten dabei, dass die Mittelschicht
auch in den Boomjahren vor dem Beginn der Wirtschaftskrise an Boden
verloren hat. Nur zwischen 2006 und 2007 gab es infolge der guten
Arbeitsmarktlage eine kleine Erholungsphase. Seither aber wächst die
Armut in Deutschland – und die Mittelschicht schrumpft.
Dass die
Mittelschicht wegbricht, kann der Politik nicht egal sein. Denn die
vielbeschworene „Mitte der Gesellschaft“ ist nicht nur für die
Demokratie ein stabilisierender Faktor. Auch die wirtschaftliche
Entwicklung hierzulande hängt maßgeblich von ihr ab. Doch statt
pfleglich mit den Leistungsträgern umzugehen, bürdete der Staat in den
vergangenen 20 Jahren – allen Sonntagsreden zum Trotz – der
Mittelschicht immer größere finanzielle Lasten auf.
Gerade die Leistungsträger
werden besonders belastet
Facharbeiter,
Handwerker, mittlere Angestellte: Es sind die Durchschnittsverdiener,
denen über die Einkommensteuer und über die Sozialbeiträge ein besonders
schmerzlicher finanzieller Aderlass abverlangt wird. Gleichzeitig ist
es genau jener Teil der Gesellschaft, der von der Streichung der
Eigenheimzulage, von der Erhöhung der Mehrwertsteuer sowie von stetigen
Kürzungen bei den kommunalen Service-Angeboten besonders betroffen ist.
Jetzt kommen auch noch die Zusatzbeiträge in vielen gesetzlichen
Krankenkassen hinzu.
Besorgniserregend ist für viele Experten die
zahlenmäßig stetige Zunahme der ärmeren Haushalte – die darüber hinaus
auch noch immer ärmer werden. Auf der anderen Seite gibt es im Trend
aber auch immer mehr Reiche, die im Durchschnitt auch immer reicher
werden. Dieser Gegensatz wird von vielen Menschen nicht nur als
besonders ungerecht empfunden, er schürt auch die Verunsicherung der
Mittelschicht – bis hin zur Angst vor dem sozialen Absturz.
Sinkende
Realeinkommen, höhere Belastungen, wachsende Unsicherheit in immer
größeren Teilen der Bevölkerung: Noch ist völlig unklar, ob es der
Politik gelingt, aus diesem Teufelskreis einen Ausweg zu finden. Fakt
ist jedenfalls: Ein solches gesamtgesellschaftliches Klima hat
langfristig auch gravierende Auswirkungen auf den Immobilien- und
Mietwohnungsmarkt. Denn hier wird sich ebenfalls eine Schere auftun: Wer
an dauerhaft erfolgreichen Mietverhältnissen interessiert ist, muss
auch kontinuierlich in die Qualität seines Wohnungsangebots investieren.
Die traurige Alternative heißt: Wertverfall bis hin zu Leerstand.
Foto: Harald Gruber
Soziale Hängematte eher hart gefedert
Wenn es um die finanzielle Absicherung bei Arbeitslosigkeit geht, ist Deutschland im internationalen Vergleich nicht besonders großzügig. Das zeigt eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat in einer Studie die finanzielle Lage von Arbeitslosen in den wichtigsten Industrieländern der Welt verglichen. Unsere Tabellen zeigen: Deutschland ist keinesfalls das Land mit der vermeintlich bequemsten sozialen Hängematte. Die an vielen Stammtischen vorherrschende Meinung jedenfalls stimmt weder unmittelbar nach dem Jobverlust noch auf längere Sicht (hier: nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit). Die in unseren Tabellen genannten Prozentzahlen beziehen sich auf die Höhe der staatlichen Unterstützung im Vergleich zum letzten Nettoeinkommen.
* Als Geringverdiener gilt, wer zuletzt zwei Drittel des Durchschnittseinkommens verdiente.
Quelle: OECD



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